Roman Signer im Kunsthaus Zürich

Von Kalkül und Zufall

Roman Signer formt mit Naturkräften unerwartete Momente von grosser Ästhetik. In seiner Retrospektive im Kunsthaus Zürich lädt er zum Parcours der Überraschungen.

Brigitte Ulmer
21. März 2025
Signer Langlaufski 8

Stellen Sie sich vor: Ein rotes Kajak auf zwei Böcken, es wankt und schaukelt, als befände es sich führerlos auf einem wilden Fluss – dabei steht es mitten im grossen Saal des Kunsthauses Zürich. Das Geheimnis: Durch den Gummischlauch, der in der Sitzöffnung liegt, strömt Luft und Wasser, Kräfte, die das Boot in Bewegung setzen.

Ein alltägliches Objekt, das sich in einer absurden Situation befindet – eine Aktion, die nur die Signatur Roman Signer tragen kann. Der gebürtige Appenzeller, der in St. Gallen lebt, hat sich als Jongleur der Naturkräfte einen Namen gemacht. Mit Wasser, Luft, Sand, Kajaks, Drohnen, Modellhelikoptern und Sprengstoffen formt er Szenen, die ebenso faszinieren wie verwundern. Viele Bilder von Signers Aktionen waren in den letzten Jahren in Museen von den USA bis nach China zu sehen. Letztes Jahr reiste er mit seiner Tochter nach Japan. Dort zelebrierte ihn Comme des Garçons mit einer von Rei Kawakubo gestalteten Installation der Fotografien. Sie zeigt die Fragilität, aber auch das wunderlich Schöne, das aus Störungen erwachsen kann.

Signer hat seine Experimente selbst in vielen Fotografien und Super-8-Filmen eingefroren. Es sind von der Neugier choreografierte Versuchsanordnungen, die in ihrer Komik und Absurdität an die Filme von Buster Keaton erinnern: etwa, wenn Signer eine Rakete mit einem hundert Meter langen Band in den Himmel schiesst. Prompt taumelt das Band in einer wilden, unvorhersehbaren Bahn, dem Gesetz der Schwerkraft ausgeliefert, zu Boden.

Signer lächelt immer wieder verschmitzt, wenn er über seine Aktionen spricht, seine Kindheit im Appenzell, seinen verschlungenen Weg zur Kunst. Erst kurz vor seinem sechzigsten Lebensjahr konnte Signer wirklich von ihr leben. Heute ist er eine Ikone.

BOLERO In Ihrer Ausstellung sind drei rote Kajaks zu sehen. Das Kajak treibt durch Ihr ganzes Leben.

ROMAN SIGNER Ich bin früher sehr viel Kajak gefahren, mit Freunden, vor allem auf Wildflüssen, oft auch im Ausland – in Jugoslawien etwa. Der Fluss trägt einen durch verschiedene Landschaften und Städte, fast wie in einem Film – das ist grossartig. Weil man sehr tief sitzt, hat man eine ungewöhnliche Perspektive: Man hat plötzlich Blumen und Wiesen auf Augenhöhe. Man ist ein Teil der Landschaft.

Irgendwann wurde das Kajak dann Kunstobjekt. Wie kam es dazu?

Als ein Freund von mir beim Kajakfahren starb, konnte ich nicht mehr im Wildwasser fahren. Von dem Moment an verschob sich das Kajak in den Kunstbereich. Man könnte sagen, es hat sich in den metaphysischen Raum verlagert. Ich musste einen anderen Umgang mit dem Kajak finden, indem ich es als Kunstobjekt nutzte.

Sie sind an der Sitter aufgewachsen. Hatten Sie dort eine Urerfahrung?

Der Fluss war wichtig für mich. Ich stand fast jeden Tag im Wasser – allein oder mit Kollegen. Wir haben Staudämme und Flosse gebaut. Einmal wollten wir aus einem alten Boiler ein U-Boot konstruieren, aber das hat leider nicht funktioniert. Es war auch gefährlich. Wir haben bei der Brücke Pfähle in den Boden gerammt und mit einem Holzbrett ein Sprungbrett gebaut.

BOLERO Der Fluss, die Beobachtungen Ihrer Kindheit, ist das Ihr Ideenreservoir?

ROMAN SIGNER Irgendwie schon. Ich stand damals stundenlang am Fenster und schaute auf das Wasser. Da haben sich in mir schon Bilder eingeprägt. Es gab eine Brücke mit einem Pfeiler. Wenn man ihn lange mit den Augen fixierte, hatte man das Gefühl, er bewege sich flussaufwärts, wie der Bug eines Schiffs. Ich stellte mich aufs WC, um besser sehen zu können, drehte den Hahn voll auf und rief: «Volle Kraft voraus!»

Was wollten Sie werden? Kapitän?

Pilot! Aber ich trug eine Brille, damals durfte man als Pilot keine Brille haben.

Also wurden Sie Künstler.

Ja, aber das war kein direkter Weg. Eigentlich wollte ich Entdecker werden, Länder, Flüsse, Wasserfälle erkunden.

Stattdessen arbeiteten Sie zunächst als Radioelektroniker in einer Dampfkochtopffabrik und als Hochbauzeichner.

Als Hochbauzeichner konnte ich aber nicht kreativ sein. Das fehlte mir sehr. Ich war der Knecht des Architekten und musste zeichnen, was er sich ausgedacht hatte. Aber am Planrand habe ich eigene Sachen gezeichnet – zum Beispiel Schwimmbäder aus Kunststofffolie, die mit Wasser gefüllt am Hang hingen. Solche Vorschläge konnte ich dem Chef nicht zeigen. Ich habe meine Skizzen immer weggerissen, bevor ich den Plan abgegeben habe.

Sie haben auch in der Versuchsanstalt für Wasserbau der ETH gearbeitet. Da kamen Sie Ihrem Interesse schon näher.

Als ich eines Tages eine Stellenausschreibung sah, wusste ich sofort: Das ist genau mein Thema! Ich habe zum Beispiel eine künstlich erzeugte Dammbruchflut erlebt, die auch gefilmt wurde. Das war für mich faszinierend. Es gibt ein Bild von mir aus dieser Zeit, ich im weissen Kittel.

Da sehen Sie aus wie ein Wissenschaftler.

Ich war stets eine Mischung aus Kajakfahrer, Künstler, Techniker, Wissenschaftsinteressierter – ich passe in keine Schublade.

BOLERO Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie wussten, dass Sie Künstler sein wollten?

ROMAN SIGNER Ja, der hatte mit einer Krankheit zu tun. Ich war damals als Bauzeichner bei einem Architekten in Südfrankreich tätig, musste aber wegen meiner Asthmaerkrankung notfallartig in die Schweiz zurückkehren. Danach lag ich lange im Bett und hatte viel Zeit zum Nachdenken. Während dieser Zeit zeichnete ich für mich, schaute mir Kunstbücher an, und als ich wieder bei Kräften war, besuchte ich viele Ausstellungen. Da wusste ich: Ich muss Künstler sein. Ich wollte meine Freiheit. Ich wollte an eine Kunstschule. Meine Eltern gaben mir dafür aber kein Geld. So musste ich alles selbst bezahlen: zuerst den Vorkurs an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich, dann die Bildhauerklasse an der Schule für Gestaltung in Luzern. Später ging ich für ein Austauschjahr nach Polen, an die Akademie in Warschau.

Polen lag damals hinter dem Eisernen Vorhang. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Die Leute waren sehr arm, und es war noch nicht alles amerikanisiert. Ich reiste durch das ganze Land, das damals noch sehr rural war. Man sah Pferdefuhrwerke auf den Strassen. Das hat mir Eindruck gemacht. Ich habe damals mit bescheidenen Materialien gearbeitet, oft mit Sand – wie in der Arte povera. Das war in den Siebzigern. Damals habe ich mich an den USA und Frankreich orientiert. Mich interessierte Prozesskunst. An der Schweizer Kunstszene hatte ich weniger Interesse.

Sie haben Ihre Frau in Polen kennengelernt. Welche Rolle spielt sie?

Sie hat immer verstanden, was ich mache, und mich dabei vollunterstützt. Sie ist ja selbst Künstlerin. Zum Glück. Hätte ich eine Frau gehabt, die gesagt hätte: «Davon kannst du nicht leben», wäre ich nicht so weit gekommen. Meine Mutter meinte hingegen immer: «Das kannst du doch nicht verkaufen! Mach besser etwas anderes!» Heute würden meine Eltern staunen, wie es mir geht!

Waren Sie ein Sorgenkind?

Nicht unbedingt, aber ziemlich wild. Ich war ein Strassenkind. Mein Vater war Musiker, dem ich bei seiner Arbeit nicht helfen konnte. Also hatte ich viel Freizeit, fuhr mit dem Velo durch die Gegend. Mein Grossvater hatte eine Schlosserei, was spannend war. Und ein Onkel war Feuerwehrkommandant und verkaufte Sprengstoff.

BOLERO Bei ihm waren Sie also an der Quelle.

ROMAN SIGNER Ja, bei ihm konnte ich mir einfach Sprengstoff besorgen. Aber eines Tages sagte er: «Roman, nächstes Jahr kann ich dir nichts mehr einfach so geben. Dann tritt das Sprengstoffgesetz in Kraft. Du musst eine Ausbildung machen.» Also machte ich sie – und bin heute eidgenössisch diplomierter Sprengbefugter.

In Ihren Werken gab es immer wieder Explosionen. Was fasziniert Sie daran?

Mich fasziniert der Moment der abrupten Veränderung, wenn sich Masse plötzlich in Energie umwandelt. Der Augenblick der Anspannung und der Entladung. Zuerst hat man Angst und ist angespannt, dann platzt es, und man muss plötzlich lachen. Ich würde das jeder psychiatrischen Praxis empfehlen: Explosionen schaffen eine Ruptur, die alles entspannt.

Es gibt diese Arbeit, wo Sie mit je einer gezündeten Rakete in den Händen auf einem drehbaren Bürostuhl sitzen und sich um sich selbst drehen. Wie kam es dazu?

Ich sass als Hochbauzeichner lange bewegungslos auf einem Bürostuhl. Früher diskutierte man immerhin noch mit den Kollegen. Heute sitzen alle still vor ihrem Computer. Sie finden ja dort auch alles, was sie wissen müssen. Man redet nicht mehr miteinander, es herrscht eine grosse Einsamkeit. Ich fand, man müsste dem Bürostuhl Leben einhauchen. Ich habe auch mal einen Stuhl zu einer Turbine umgebaut, der sich dann wie verrückt drehte.

Für eine Aktion in Nanterre sassen Sie in einem Kinderbett und zündeten Explosionen ringsherum. Dynamit ist gefährlich. Gab es auch mal Pannen?

Bei der «Aktion mit einer Zündschnur» verbrannte ich mir die Handoberfläche. Wenn etwas nicht klappt, mache ich halt etwas anderes. Meistens kommt aus dem Scheitern eine neue Idee.

Immer wieder fliegt bei Ihnen etwas in die Luft, oder Sie arbeiten mit den Elementen. Was suchen Sie?

Man meint, man habe die Elemente verstanden, aber Wasser zum Beispiel hat so viele Formen, man versteht es nie ganz.

BOLERO Sie nennen Ihre Werke Skulpturen. Doch darunter stellt man sich etwas Festes vor.

ROMAN SIGNER Meine Skulpturen bewegen sich, aber nicht im Sinne von Kinetik oder Mobilem, sondern von Veränderung und Verwandlung. Sie nehmen in einer bestimmten Zeit eine neue Form an.

Sie sagten, die Ideen kommen Ihnen beim Wandern oder vor dem Einschlafen. Aber danach planen Sie alles minutiös und zeichnen die Aktion. Wie viel Spielraum lassen Sie dem Zufall?

Ich lasse dem Zufall durchaus Chancen. Ich bin nicht so stur, dass ich nur einen Weg gehe. Manchmal weiche ich ab und lasse mich vom Prozess leiten oder von der Umwelt inspirieren. Das gehört doch zum Leben.

Erstaunlicherweise verwandeln sich solche Aktionen immer wieder zu Bildern von eigenartiger Schönheit. Zur Einweihung der zweiten Gotthardröhre etwa haben Sie hundert Bauhelme durch die Luft fliegen lassen. Wie kommt man auf so ein Bild?

Das habe ich zu Ehren der Bauarbeiter gemacht. Ich war inspiriert durch den Bau des Expresszuges, der die US-Ost- und Westküste verbindet. Damals haben die Bauarbeiter, als sie zusammentrafen, aus Freude ihre Helme in die Luft geworfen.

Welche Rolle spielt Ästhetik für Sie?

Ich bin ein Ästhet, und Ästhetik spielt für mich eine Rolle. Aber sie ist mehr intuitiv als erdacht. Einmal warf mir jemand vor, bei mir gäbe es nur Zerstörung. Das hat mich getroffen, denn es stimmt nicht. Zerstörung bringt bei mir oft eine neue Form her- vor, aber man muss sie halt erkennen! Deshalb nenne ich das, was ich mache, auch nicht Zerstörung, sondern Veränderung.

Jemand schrieb einmal, Ihre Kunst sei eine Sammlung von Katastrophen, die zu unperfekten Ergebnissen geführt haben.

Zum Glück gibt es das Unperfekte! Das macht die Arbeit spannend.

Irgendwann kam das Publikum in Ihre Arbeiten: Man kann Ihnen bei den Aktionen zusehen. Sind Sie dann ein Performer?

Nein, als Performer habe ich mich nie verstanden. Eine Performance ist ja viel weiter gefasst, eine Aktion ist reduzierter und schneller. Ich habe lange nur für mich selbst gearbeitet, bis mich jemand fragte, ob ich es live zeigen könnte. Das war Ende der Achtzigerjahre. Daraufhin machte ich die ersten Aktionen. Zu Beginn hat mich das Publikum eher gestört.

Häufig sieht man Sie in den Aktionen. Welche Rolle spielen Sie?

Ich bin Auslöser und Erleider von dem, was ich erdacht habe.

Wie etwa in der Arbeit, bei der man Sie im Bett liegen sieht, während ein Modellhelikopter über Ihrem Kopf herumfliegt. Das sieht nervenaufreibend aus.

Ja, das war es. Ich konnte die Antenne manchmal sogar in meinem Gesicht spüren. Es war auch gefährlich. Modellhelikopter sind viel schwieriger zu steuern als etwa Drohnen. Bei einem anderen Piloten hätte ich nicht mitgemacht.

Wohl wegen solcher Aktionen schrieb die NZZ zu Ihrem achtzigsten Geburtstag: «Ein Lausbub wird achtzig». Fühlten Sie sich missverstanden?

Überhaupt nicht, das ist eigentlich ein Kompliment. Wenn man noch ein bisschen Kind bleibt, ist das doch gut. Wenn man alles ernst nimmt, bekommt es etwas Schweres. Ich sagte einmal: «Eigentlich sollte jeder eine künstlerische Ausbildung machen, auch wenn man nicht Künstler wird. Das täte jedem gut.»

Sind kreative Menschen glücklicher?

Ja, sie können allerdings auch Krisen haben.

Hatten Sie selbst schon Krisen?

Ja, aber nur kleine. Ich habe sie dann mit Explosionen weggesprengt (lacht). Im Ernst: Manchmal hat man einfach keine gute Idee. Das passiert jedem. Dann muss man darüber schlafen, und im Traum kommen sie dann wieder, die Ideen.

Sie sind jetzt 87. Einmal sagten Sie, mit 72 hören Sie auf. Doch Sie machen weiter. Erleben Sie noch immer die Faszination des Buben, der am Fluss gespielt hat?

Eigentlich schon. Die Spannung und Freude erlebe ich, als wäre ich jung. Die Ideen gehen mir nicht aus. Die Neugier ist immer noch da.

Gibt es ein Projekt, das Sie noch umsetzen möchten?

Ich würde gern ein Haus mit Flachdach aus Blech bauen. Dann steige ich mit einem Rucksack voller Steine in einen Helikopter und lasse einen Stein nach dem anderen durch das Dach fallen. Wenn man dann im Haus steht, sieht man das Licht durch die Löcher, wie den Sternenhimmel. Die Steine liegen auf dem Boden. Es wäre eine Skulptur. Und es würde ins Haus regnen.

«Roman Signer», Kunsthaus Zürich, 4. April bis 17. August.